Marc Streit – InformatikerIn der Woche

Marc Streit – InformatikerIn der Woche

Marc Streit forscht und lehrt am Institut für Computergrafik an der Universität Linz und beschäftigt sich mit Visualisierung, Visual Analytics und der Visualisierung biologischer Daten. Seine Arbeit wurde mit zahlreichen Best Paper Awards ausgezeichnet – und an seinem Institut sind gerade zwei PhD-Jobs ausgeschrieben

Marc-StreitWeb

Woran arbeiten Sie zur Zeit?

Meine Forschungsgruppe beschäftigt sich mit der visuellen Analyse großer Datenmengen. Das Schlagwort „Big Data“ ist seit einigen Jahren in aller Munde. Viele Wissenschaftsdisziplinen, wie beispielsweise die Medizin, Biologie und Physik, sind mit einer regelrechten Datenexplosion konfrontiert. Neben der schieren Größe der Daten stellt jedoch vor allem deren Komplexität und Vielfältigkeit eine Herausforderung dar. In unserer Forschung geht es darum Muster, Trends und Auffälligkeiten in den Daten zu finden. Im Gegensatz zur automatischen Datenanalyse mit Statistik und Machine Learning macht man sich in der Visualisierung die einzigartigen Fähigkeiten des Menschen zunutze, Muster zu erkennen, Hintergrundwissen in die Analyse einfließen zu lassen und Schlüsse daraus zu ziehen. Durch die Kombination aus automatischen Methoden mit interaktiver Visualisierung können wir neue Erkenntnisse gewinnen, die weder der Mensch noch der Computer alleine in der Lage sind zu finden.

Was ist für Sie Informatik?

Kern der Informatik ist für mich die Verarbeitung und Aufbereitung von Daten, deren Überführung in Information, um letztendlich neues Wissen daraus abzuleiten.

Was sind für Sie Herausforderungen der Gegenwart, bei denen Informatik helfen kann?

Hier gibt es eine Vielzahl an Herausforderungen aus allen Lebensbereichen. Für mich ist aktuell die Sicherstellung der Reproduzierbarkeit von neuen Erkenntnissen in der Wissenschaft am Interessantesten – eine Problematik, die auch kürzlich durch die Medien in die breite Öffentlichkeit getragen wurde. Wissenschaftlicher Fortschritt beruht darauf, auf bekanntem Wissen aufzubauen und den aktuellen Stand der Wissenschaft zu erweitern. Was passiert jedoch, wenn man sich nicht mehr auf bereits publizierte Ergebnisse verlassen kann? In einer groß angelegten Studie wurde beispielsweise versucht, eine Reihe von Ergebnissen aus der Krebsforschung zu wiederholen und zu bestätigen, was allerdings in über 90% der Fälle nicht gelungen ist. Solche und ähnliche Experimente haben die Wissenschaft in ihren Grundfesten erschüttert. Eine zentrale Herausforderung ist es daher, neue Methoden zu entwickeln, welche die Reproduzierbarkeit von Ergebnissen gewährleisten. Gemeinsam mit der Universität Harvard arbeiten wir seit einiger Zeit daran, dies auch für visuelle Datenanalyse zu ermöglichen.

Was haben Sie in der Auseinandersetzung mit Informatik gelernt?

Ich habe gelernt, strukturiert und analytisch über Probleme nachzudenken, neue Lösungswege zu finden und Ergebnisse kritisch zu hinterfragen.

Warum sollten sich StudentInnen für Informatik entscheiden? 

Primäre Voraussetzung ist Neugierde und ein Interesse an der Materie selbst. Alles Weitere ist erlernbar und wird natürlich auch im Studium von Grund auf erklärt. Vor allem junge Leute, die keinen technisch dominierten Schultyp gewählt haben, sollten sich nicht davon abhalten lassen Informatik, zu studieren. Das Klischee des introvertierten Informatikers mit fetten, langen Haaren, der alleine im Kämmerlein sitzt und programmiert, ist längst überholt. Der Beruf macht Spaß, ist abwechslungsreich, gut bezahlt und öffnet auch international viele Türen.

Was fehlt der Informatik in Österreich?

Meiner Meinung nach fehlt es an einer nachhaltigen und mutigeren Finanzierung der Grundlagenforschung und universitären Bildung. In budgetär angespannten Zeiten ist die Verlockung natürlich groß, bei genau diesen Bereichen den Sparstift anzusetzen. Man sollte aber bedenken, dass Investitionen in Bildung und Forschung als Multiplikationsfaktor in der Zukunft wirken. Wenn man es jetzt verabsäumt, in diese Bereiche zu investieren, wird sich das mittel- und langfristig rächen und auch negativ auf den Industriestandort Österreich auswirken.